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Quelle: Bankers Exklusiv

 

 

 

 

Quele: RemsMurr Journal

Kinder sollen kochen - mit den richtigen Utensilien

 

Ernst-Ulrich W. Schassberger

Ein Plakat das Lust auf 

gesunde Küche

machen soll

DIGEST-Interview mit Ernst-Ulrich W. Schassberger,

 

President Euro-Toques Europe

 

Unter dem Motto „Gesundes Essen kann schmecken -

Essen macht Spaß“ zeigen Sterne-Köche in diesem

November den Kindern in Schulen mit Lehrküche, wie

leicht man leckere und bekömmliche Speisen

zubereiten kann.

 

DIGEST: Seit wann und warum engagiert sich Euro-Toques Europe, die

Union der World-Toques Sterne-Köche und -Köchinnen, beim Europäischen

Tag für gesunde Ernährung und gesundes Kochen in Schulen?

 

E.-U. Schassberger: Wir engagieren uns bereits seit

2007 für das Projekt „EU-Minichef“. Wir möchten

zeigen, wie man gesunde, einfache und leckere

Gerichte zubereitet und erklären, warum es so wichtig

ist, mit der ganzen Familie zu kochen und gemeinsam

 zu essen. Vorbild für uns ist Finnland, wo Koch-

unterricht mit mindestens drei Wochenstunden für

Siebtklässler in Schulen Pflicht ist. Die Kinder lernen

dort, wie man sich gesundheitsbewußt ernährt und was

auf's Pausenbrot gehört, damit man den ganzen Tag

fit bleibt.

 

DIGEST: Findet das Schulprojekt „EU-Minichefs“ in zirka 100

Schullehrküchen in ganz Europa statt oder nur in Deutschland?

 

E.U- Schassberger: In der Vergangenheit fand diese

Veranstaltung hauptsächlich in Deutschland statt. Euro-

Toques Europe wird diesen Tag auch über die deutschen Grenzen hinaus in allen

europäischen Ländern ausbauen.

 

DIGEST: An welche Altersgruppen wendet sich das Projekt? Ist es eher für Jugend-liche gedacht, da Lehrküchen in

Grundschulen ja doch seltener anzutreffen sind?

 

E.-U. Schassberger: Das Projekt ist für Jugendliche im Alter von 9-12 Jahren

ausgerichtet - pro Gruppe möglichst nicht mehr als 12 bis 15 Schülerinnen und

Schüler.

 

DIGEST: Was sollten die Schüler aus Ihrem Koch-Event mit nach Hause nehmen?

 

E.-U. Schassberger: Die Kinder werden von unseren prominenten Euro-Toques-

Sterneköchen für zwei Stunden in die Welt der frischen Küche, vor allem der Region,

 entführt, wo sie mit allen Sinnen genießen und vor allem viel Spaß an gesundem

Kochen haben sollen. Sie sollen einen Einblick in das selbstständige Zubereiten und

phantasievolle Kreieren von Speisen als Alternative zu Fast Food bekommen.

 

DIGEST: Worauf kommt es generell beim gesunden und doch wohlschmeckenden Essen für Kinder an?

 

E.-U- Schassberger: Um bei Kindern das leider schon zu weitverbreitete

Krankheitsbild Adipositas und Diabetes einzudämmen, sollte man intensiv auf eine

ausgewogene Ernährung achten. Dabei geht es nicht unbedingt um die Menge,

sondern um die Zutaten. Frische, saisonale Produkte sind die Hauptbestandteile

einer gesunden Ernährung bei Kindern. Ein überwiegender Konsum von Convenience-

Produkten lässt unter Umständen den natürlichen Geschmackssinn nach und nach

einschlafen.

 

DIGEST: Sollten Kinder auch etwas über den richtigen Umgang mit hochwertigen und praktischen Küchenutensilien

und den Wert eines schön gedeckten Tisches lernen?

 

E.-U. Schassberger: „Kinder sollen kochen!“, heißt es überall. Aber zum Kochen

brauchen Kinder gute Utensilien, die auch in kleine Kinderhände passen sollten. Kein

 Spielzeug, sondern richtige Instrumente - z.B. sehr scharfe Messer, die sie natürlich

 nur unter Beaufsich-tigung benutzen dürfen. Und: Allgemeine Benimmregeln für

Kinder und Jugendliche können zum Erfolg im Berufsleben beitragen sowie der

Kenntnis von Tisch- und Tafelkultur dienlich sein. Wir müssen unseren Kindern

wieder beibringen, dass ein harmonisches Ambiente, wie z.B. der schön gedeckte

Tisch, bei den gemeinsamen Mahlzeiten zur Lebensqualität dazugehört.

 

Das Interview führte Angelika Campbell

 

 

www.eurotoques.de

In Gemeinschaft Kochen zu lernen,

das macht Kindern Spaß.

 

Quelle: www.digest-online.de

"Fast Food verschlammt den Geschmack" Interview mit Ökotest

 

Seit 6 Jahren bieten deutsche Köche der internationalen Organisation Eurotoques

Geschmacksschulungen für Kindergarten- und Schulkinder an. Die Unterschiede

zwischen Dosen- und frischem Obst oder Gemüse herauszufinden, ist für manche

Kinder gar nicht so einfach. ÖKO-TEST sprach mit Ernst-Ulrich Schassberger, dem

Präsidenten der unabhängigen Verbraucherinitiative.

 

ÖKO-TEST: Können deutsche Kinder noch richtig schmecken?

 

Schassberger: Zwischen süß, sauer, salzig und bitter zu unterscheiden, fällt

vielen Kindern schwer. Eine sauer eingelegte Gurke wird von vielen als "salzig"

beschrieben, obwohl da kaum Salz dran ist. Zum Geschmack einer Grapefruit

fällt den meisten nur "bitter" ein, obwohl auch süß und sauer zutreffen.

Eigentlich müssten auch Kinder besser differenzieren können, wie etwas

schmeckt. Übrigens haben wir die Erfahrung gemacht, dass Kinder, die zu

Hause mit ihren Eltern frische Lebensmittel kochen, einen feineren

ausgeprägteren Geschmack haben.

 

ÖKO-TEST: Viele Nahrungsmittel sind mit Aromastoffen angereichert. Verdirbt

das den Geschmackssinn?

 

Schassberger: Es ist ja paradox, dass ein Joghurt mit Erdbeeraroma viel

kräftiger nach Erdbeere schmeckt als ein selbst angerührter Joghurt mit

frischen Früchten. Wenn Kinder an Aromastoffe gewöhnt sind, ist es viel

schwerer, sie den wahren Geschmack entdecken zu lassen. Wir von

Eurotoques sagen immer: Fast Food verschlammt den Geschmack. Aber es ist

nie zu spät sich umzustellen. Die Geschmackspapillen auf der Zunge

erneuern sich alle sieben Tage. Wenn der Kopf mitmacht, kann jeder seine

Geschmacksnerven neu entdecken.

 

ÖKO-TEST: Sind die Kinder, die zu Ihnen in den Geschmacksunterricht

kommen, dazu bereit?

 

Schassberger: Ja. Vor allem in der 4. und 5. Klasse und dann wieder in der

10. und 12. Klasse sind die Kinder und Jugendlichen sehr aufgeschlossen.

Manche so sehr, dass es hinterher Probleme mit den Eltern gibt, weil die

Kinder sich zu Hause weigern, bestimmte Sachen zu essen, die vorher ganz

selbstverständlich waren.

 

ÖKO-TEST: Ist es für Sie als engagierten Profikoch nicht ernüchternd, was in

deutschen Haushalten so auf den Tisch kommt?

 

Schassberger: Manchmal schon. Es kommt vor, dass Kinder Ananas nur aus

der Dose kennen. Doch auch in vielen Restaurants wird nicht mehr richtig

gekocht, da werden in den Küchen nur noch Fertigpackungen aufgemacht –

angeblich weil es sich sonst nicht rechnet. Ich würde mir wünschen, dass sich

die Leute wieder mehr für das interessieren, was sie essen. Gutes Essen ist

schließlich auch ein Zeichen der Wertschätzung für sich selbst.

 

***

"spielen und lernen" über Radieschenmäuse und andere kindgerechte Verzierungen

 

Interview mit Ernst-Ulrich Schassberger, Präsident Euro-Toques

Deutschland geführt von Monika Cremer, Dipl. Oecotrophologin, Food-

Journalistin und Autorin

 

Cremer: Herr Schassberger, was heißt kindgerechtes Styling auf dem Teller?

Was ist für Kinder appetitlich?

 

Schassberger: Das "Styling" des Geschirrs, des Tisches und der Nahrung ist

fester Bestandteil der Esskultur. Essen ist nicht nur "satt werden" sondern in

unserer wohlgenährten Gesellschaft vor allem Genuss und geselliges

Beisammen sein am Tisch.

 

Entscheidend für die Appetitlichkeit eines Lebensmittels sind Form, Farbe und

Textur, Geruch und Geschmack.

 

Kinder haben eine starke Neigung zu buntem, und zu Formen, Farben und

Bildern, die ihre Phantasie ansprechen.

 

Kinder essen, was sie gewöhnt sind, neues wird oft kritisch beäugt.

 

Besonders der soziale Kontext der Nahrungsaufnahme hat starke Auswirkung

auf das Essverhalten. Ist zum Beispiel die Stimmung am Tisch entspannt,

finden Gespräche statt ect. entsteht Geborgenheit. Das ist Kindern wichtig. Ist

man jedoch gereizt, in Hektik oder steht die Nahrungsaufnahme mit

Stresssituationen in Verbindung, reagieren Kinder mit Appetitlosigkeit,

übersteigertem Essen, Trotz ect. Kindgerechtes Styling bedeutet also, das

Kind nicht als kleinen Erwachsenen zu sehen, sondern als kleinen Menschen,

der durch Anregungen durch die Umwelt lernt.

 

Cremer: Wie viel Deko muss im Rahmen des Familienessens sein?

 

Schassberger: Grundsätzlich "muss" nur das sein, was Eltern für richtig halten!

Dekor wirkt animierend und schließlich soll essen ja auch Spaß machen. In

der Deko zeigt sich die Liebe des Kochs bzw. der Mutter zum Kind, denn wer

Mahlzeiten zubereitet sorgt für andere. Allerdings sollte man über die Deko

das eigentliche essen nicht vergessen!

 

Cremer: Ist Anrichten bei der EURO-TOQUES Geschmacksschulung ein

Thema?

 

Schassberger: Bei den EURO-TOQUES Geschmacksschulungen steht der

Geschmack im Vordergrund. Bei der integrierten Blindverkostung ist anrichten

kein Thema. Jedoch ist es uns nach wie vor wichtig, wie essen präsentiert

wird. Schließlich gehört Anrichten zur Esskultur. Dieser Gedanke fließt in die

Geschmacksschulungen selbstverständlich mit ein.

 

Cremer: Kann man Kinder mit aufwändigen "Verzierungen" von gesunder

Ernährung tatsächlich überzeugen? Wird Gemüse durchs Styling cool?

 

Schassberger: Nun, vermutlich wird alles etwas "cooler" durch aufwändige

Verziehungen. Wie gesagt wird durch Deko die Phantasie angeregt.

 

Dekor allein überzeugt allerdings nicht. Kinder lernen vom Vorbild, wenn

Eltern konsequent auf gesunde Ernährung achten, werden die Kinder das

imitieren und so Gemüse und gesunde Sachen in ihrem Speiseplan

akzeptieren.

 

Kinder überzeugt man durch häufiges Probieren lassen. Sie sollten selbst

entscheiden dürfen, was sie mögen und was nicht.

 

Negative Assoziationen mit bestimmten Nahrungsmitteln zum Beispiel durch

den Satz "Du MUSST dein Gemüse aufessen!" erzeugen nur Ablehnung bei

Kindern, ebenso negative Nachwirkungen von Lebensmitteln wie Bauchweh.

 

Cremer: Kann man Kinder mit Fantasienamen wie Gruselsuppe etc. locken

oder schreckt das eher ab?

 

Schassberger: Dino-Geflügelnuggets, Buchstabensuppe, Bärchenwurst...

funktionieren sehr gut und regen zum Essen und kreativ sein an. Ein Kind

erfährt so besondere Behandlung und wird mit Aufmerksamkeit bedacht.

 

Solche speziellen Lebensmittel sollten aber trotzdem etwas Besonderes

bleiben. Kinder sollten auch "normale" Erwachsenenkost wie Käsebrot o.ä.

ohne "Extras" zu sich nehmen können.

 

Ganz wichtig ist das gesunde Maß bei der Deko. Essen sollte nicht überladen

werden!

 

Cremer: Gibt es Unterschiede in den verschiedenen Altersgruppen?

 

Schassberger: Bei Breikost für Kleinkinder spielt Dekoration keine Rolle, dem

Kind geht es weitgehend nur um Nahrungsaufnahme und um soziale Aspekte,

die damit in Verbindung stehen (Körperkontakt zu Eltern, Aufmerksamkeit,

Geborgenheit...).

 

Ab etwa 1Jahr können Kinder weitgehend am Familientisch mitessen und

brauchen keine Spezialkost mehr, sie essen was "die Großen" auch essen

und entwickeln Geschmackspräferenzen (diese wechseln aber öfter!).

 

Bei Adoleszenten kann man zur "Erwachsenen-Deko" übergehen: ein schön

gedeckter Tisch, die hübsch angerichteter Teller,... damit fühlen sich

Jugendliche in den Kreis der Großen integriert.

 

 

 

***

Lindenberg - Schassberger: Esskulturverfall Interview mit chrismon

 

JOHANN C. LINDENBERG, 56, bringt Fischstäbchen, Eis und Tütensuppen auf

den Tisch. Als Diplom-Volkswirt ist Lindenberg seit drei Jahren Chef der

Unilever Deutschland GmbH. Der britisch-niederländische Lebens- und

Waschmittelkonzern versorgt die Welt als Nummer eins der

Ernährungsbranche mit Margarine, Fertigessen & Co. Zu den bekanntesten

Marken in Deutschland zählen Rama, Knorr, Langnese-Iglo und Du darfst.

 

ERNST-ULRICH SCHASSBERGER, 56, ist Präsident von Eurotoques, einer

Vereinigung für den Erhalt der europäischen Ess- und Trinkkultur. Damit steht

er in Deutschland, Österreich und der Schweiz einer Vereinigung von weltweit

rund 2700 Spitzenköchen vor, die seit 1986 gegen Fastfood-Kultur und

industriell gefertigte Lebensmittel antritt. Der Küchenmeister, Hotelinhaber

und Autor hat genaue Vorstellungen von kulinarischem Genuss und

Kochkultur.

 

chrismon: Wir hoffen, es hat Ihnen beiden heute geschmeckt. Sie, Herr

Schassberger, kämpfen ja für den Erhalt der Kochkultur und gegen

industrielle Fertigprodukte in der Ernährung. Was wäre denn so schlimm

gewesen, wenn in unserem Essen eine von Herrn Lindenbergs Fertigsaucen

gewesen wäre?

 

ERNST-ULRICH SCHASSBERGER: Ob das schlimm ist, weiß ich nicht. Was ich

weiß, ist: Ich esse das nicht.

 

chrismon: Ist das denn schlechtes Essen, was der Herr Lindenberg produziert?

 

DER FERTIGKOSTCHEF: "Der Konsument bekommt das, was er verlangt"

 

SCHASSBERGER: Für denjenigen, der das isst und dem das schmeckt, ist es

bestimmt nicht schlecht. Aber ich sage: Esskultur sollte nicht auf dem Altar

der Bequemlichkeit und der Zeitersparnis geopfert werden. Ich kämpfe gegen

den Kulturabbruch, der durch die ganze Tütenkocherei befördert wird. Ich will,

dass die Verbraucher sich bewusster sind, was sie eigentlich essen, wie das

hergestellt wurde. Und was sie an Kultur verlieren, wenn sie sich nicht mehr

um die traditionelle, handwerkliche Küche scheren.

 

JOHANN C. LINDENBERG: Ich kann Ihnen da teilweise folgen. Essen ist ein

wichtiger Teil der Kultur eines Landes. Und daher sollte man in der Tat

Basiskenntnisse des Kochens und der Ernährung fördern. Das widerspricht

aber nicht der Tatsache, dass man auch die übrigen Bedürfnisse der

Bevölkerung auf irgendeine Weise erfüllt. Wir als Nahrungsmittelproduzenten

arbeiten für ein Millionenheer von Verbrauchern - Sie verkaufen maximal

1000 Portionen Fisch in Ihrem Restaurant. Wir verkaufen nicht eine Million,

sondern eher eine Milliarde Portionen. Und da müssen wir auch den

Bedürfnissen dieser großen Masse von Verbrauchern entsprechen.

 

SCHASSBERGER: Die Frage ist doch: Was sind das für Bedürfnisse,

derentwegen die Natur zur Fabrik verkommt, für die Nahrungsmittel künstlich

geschaffen werden, wo eine Geschmacksdiktatur die Sinne täuscht?

 

LINDENBERG: Natürlich sagen Sie, Herr Schassberger, die Industrie liefere

eben diesen ganzen Kram. Aber diese Produkte sind als solche gut und

gesundheitlich in Ordnung. Sie sind nur nicht entsprechend Ihrer kulturellen

Vorstellung hergestellt und führen eben dazu, dass der Konsument in seiner

ganzen Bequemlichkeit das eigenständige Kochen aufgibt. In New York

werden schon vierzig Prozent der Wohnungen ohne Küche gebaut, die haben

nur noch eine Mikrowelle drin.

 

SCHASSBERGER: Das ist doch schlimm, das geht in eine ganz falsche

Richtung. Deshalb müssen wir die Menschen darüber aufklären, was ihnen

verloren geht. Es gibt inzwischen ein riesiges Know-how-Defizit. Man weiß über

alles Mögliche Bescheid, aber man weiß oft nichts mehr über die eigene

Ernährung. Viele der jungen Menschen können längst nicht mehr kochen. Die

reißen nur noch irgendein Fertigessen auf.

 

LINDENBERG: Wir sind nicht diejenigen, die den Konsumenten sagen: Das

bekommst du, das bekommst du nicht. Der Konsument bekommt das, was er

verlangt, und das wird vorher ausgiebigst getestet, bevor wir es auf den Markt

bringen.

 

DER KÜCHENMEISTER: "Die Verbraucher wollen längst zurück zu einer

ursprünglichen Küche"

 

SCHASSBERGER: Aber die Verbraucher wollen doch längst zurück zu einer

ursprünglichen Küche, zu Produkten aus ökologischem Landbau, zu einer

artgerechten Tierhaltung. Ich treffe jeden Tag Menschen, bei denen ich das

sehen kann.

 

LINDENBERG: Verbraucher wollen doch alles, wenn Sie sie fragen. Die wollen

Frische, Natürlichkeit, Haltbarkeit, die wollen jederzeitige Verfügbarkeit des

Produktes, die wollen eine ökologisch saubere Herkunft, und sie wollen auch

noch einen niedrigen Preis. Und das ist natürlich die Quadratur des Kreises.

 

chrismon: Wer produziert eigentlich Bedürfnisse? Werden Angebote auch

deshalb nachgefragt, weil sie angeboten werden, oder entsteht plötzlich ein

kollektiver Wunsch nach Fünfminutenterrinen?

 

LINDENBERG: Ich denke, das Bedürfnis nach Bequemlichkeit und schneller

Zubereitung ist latent immer da. Wir nennen diese Menschen "Short-of-

Timers". Wir haben ja zunehmend eine Kultur, in der alle glauben, gar keine

Zeit mehr zu haben. Das ist eine Zeiterscheinung. Und wir fühlen uns als

Lebensmittelunternehmen nicht dazu aufgerufen, unseren Konsumenten

Verhaltensnormen vorzugeben.

 

SCHASSBERGER: Und dabei geht dann die Lebensqualität flöten.

 

chrismon: Was ist für Sie der Unterschied zwischen gut essen und schön

essen?

 

LINDENBERG: Gut ist sicherlich etwas, was einerseits schmeckt, andererseits

eine ausgewogene Ernährung sicherstellt. Schön essen beinhaltet das auch,

aber zusätzlich gehört das Ambiente dazu, in dem das Essen quasi mit allen

Sinnen aufgenommen werden kann.

 

SCHASSBERGER: Gut und schön essen sind eins. Für mich ist es ein Genuss,

wenn ich ein tolles Produkt vor mir habe. Wenn ich weiß, wo es herkommt, wie

es zubereitet wurde, dass es meinem Körper gut tut. Wenn es einfach ein

Gesamtkunstwerk ist. Ganz besonders wichtig ist für mich dabei die

Zusammenstellung, die Geschmacksharmonie im Gaumen, wenn Speisen auf

einfache und gesunde Weise zusammenpassen.

 

DER KÜHLKOST-CHEF: "Viele Menschen wollen geschmacksintensivere

Produkte haben"

 

chrismon: Zum Beispiel?

 

SCHASSBERGER: Schwarzwurst mit Äpfeln verträgt sich zum Beispiel sehr gut.

Aber nicht mit irgendwelchen säurehaltigen Produkten. Ach, ne, da haben Sie

mich überlistet, mit Essig schmeckt Schwarzwurst ja doch. Was sich nicht

verträgt, ist, dass sich die Bitterstoffe einfach überschlagen oder Säure und

Salz in Disharmonie.

 

chrismon: Verträgt sich Curry mit Wurst?

 

SCHASSBERGER: Curry mit Wurst verträgt sich auf jeden Fall.

 

chrismon: Hatten Sie schon mal ein schlechtes Gewissen wegen eines

Produkts, das sie verkauft haben?

 

LINDENBERG: Ein schlechtes Gewissen nicht. Ich hatte schon einmal das

Gefühl, dass mir ein Produkt nicht so gut schmeckte. Da war zum Beispiel mal

so ein Fischgericht mit Schlemmer-Sauce. Aber ich musste mich dann von

unseren Marktforschern davon überzeugen lassen, dass Millionen

Konsumenten diese Sauce bevorzugen.

 

SCHASSBERGER: Ich hatte eigentlich nie ein schlechtes Gewissen. Weil ich ja

vorher alles selbst ausprobiere. Ich würde auch nie den Verbraucher oder Gast

als Versuchskarnickel sehen.

 

chrismon: Herr Lindenberg, mit Nahrungsmitteln werden ja von der Industrie

oft auch Illusionen verkauft. Zum Beispiel wenn es um die Haltung von Tieren

geht. Man kauft die Illusion, dass da eine glückliche Kuh auf der Wiese steht.

Und vielleicht steht sie ja gar nicht auf der Weide, sondern im engen Stall.

 

 

LINDENBERG: Ja, vielleicht ist die Kuh ja sogar unglücklich, das kommt auch

vor. Es ist ein Phänomen, dass viele Menschen gerne so ein Porträt vom

glücklichen Landleben anno 1922 haben, wenn es das denn damals gab. Es

ist eine Illusion, die sich jeder Mensch gerne erhält, nämlich, dass sich

bestimmte bäuerliche Strukturen erhalten haben. Nur die Bauern wären alle

längst pleite, wenn sie wahr wäre.

 

SCHASSBERGER: Aber darum geht es doch, dass diese Tatsachen den

Verbrauchern nicht vermittelt werden. Da wird ländliche Idylle vorgegaukelt,

wo es gar keine gibt, Kochtradition, die in Wirklichkeit von Chemikern kommt.

 

LINDENBERG: Unsere Produkte kommen aus einer geprüften Landwirtschaft,

nicht vom Chemiker. Der Konsument hat nun mal den Wunsch, ein wenig

Idylle zu spüren. Er möchte, wenn wir ihm Produkte mit italienischer Rezeptur

verkaufen, das Gefühl haben, das sei wirklich italienisch. Und dazu zeigt man

Italienbilder als Werbung, auch wenn das Ganze in Berlin produziert wird. Sie

können sagen, das sei Vorspiegelung falscher Tatsachen. Aber ich glaube,

dass der Konsument nicht so dumm ist, dass er dies nicht erkennt. Dass er

nur eine Geschichte erzählt bekommt in Bildern. Die wirklichen Fakten kann

ich jederzeit erfragen - und sie stehen auch auf der Packung.

 

chrismon: Warum werben Sie nicht mit dem Slogan "speziell für Sie designed"

oder "von unseren Nahrungsmittelchemikern aus dem Hightech-Labor"?

 

LINDENBERG: Das ist ein bisschen weit hergeholt. Der Kunde weiß sehr wohl,

dass etwas aus einer großen Fabrik kommt und nicht von Käpt'n Iglo. Das hat

aber nichts mit Nahrungsmittelchemie oder Hightech zu tun.

 

SCHASSBERGER: Ich finde, das muss alles vom Markt verschwinden.

Zumindest muss jedem klar sein, was er da vor sich hat. Nehmen Sie diese

Druckluft-Sahnespender. Da sind Sahne, Gelatine und Zucker drin, alles ganz

toll. Und dann eben noch Druckluft, denkt die Hausfrau. Aber nein, das ist

keine Luft, sondern Distickstoffmonoxyd - Lachgas also! Das sind dann

Schäume, die Träume bringen, wenn man genug davon zu sich nimmt. Aber

wenn ich natürlich dem Gast sagen würde: Wollen Sie ein Dessert mit

Narkosegas haben?, dann sagt der: Um Gottes willen!

 

LINDENBERG: Wir haben überhaupt keine Schwierigkeit damit,

draufzuschreiben, was wir verwenden. Aber das, was heute draufsteht, ist für

die Mehrzahl der Verbraucher schon vergleichsweise irrelevant. Das versteht er

nicht oder kann es nicht im Einzelnen interpretieren, oder es interessiert ihn

nicht. Unsere Empfehlung ist daher, dass man die wesentlichen Dinge

draufschreibt und ansonsten kann man eine Internet-Adresse angeben und

kann dann im Internet alles bis hin zum Produktionsprozess nachlesen.

 

SCHASSBERGER: Sie machen ja nichts Unerlaubtes. Die Industrie macht ja

alles, was erlaubt ist. Es geht auch nicht darum, dass man das nicht

produzieren soll. Mir geht es darum, dass der Verbraucher genau erkennen

kann, was er da zu sich nimmt.

 

chrismon: Herr Lindenberg würden Sie denn für Ihr Speiseeis echte

Vanilleschoten verarbeiten, wenn die Verbraucher bereit wären, dafür 50 Cent

mehr zu bezahlen?

 

LINDENBERG: Da ist bereits echte Vanille drin verarbeitet. Aber das allein

würde dem Verbraucher nicht in allen Fällen reichen, weil das nicht

geschmacksintensiv genug ist. In solchen Fällen wird es natürlich verstärkt

mit Vanille-Aroma.

 

SCHASSBERGER: Genau, das ist es ja. Die Waffe, die Atombombe der

Nahrungsmittelindustrie, ist das Aroma. Überall Geschmacksverstärker,

künstliche Aromen. Die Leute wissen gar nicht mehr, wie etwas wirklich

schmeckt. Wenn wir sagen: Ihr sollt das nicht essen, heißt es: Es schmeckt

doch gut, uns geht es gut.

 

LINDENBERG: Wir versuchen ja, ohne Geschmacksverstärker auszukommen.

In den meisten Produkten haben wir auch keine drin. Nur, wenn wir diese

Produkte dann in Vergleichstests geben, stellen wir fest, dass sie schlechter

abschneiden. Das liegt daran, dass eine Vielzahl von Menschen

geschmacksintensivere Produkte haben möchten. Sie können natürlich

sagen: Der Verbraucher soll das nicht wollen. Aber wir haben als Unternehmen

keine erzieherische Aufgabe. Wir leben ja in einem relativ demokratischen

Staat, in dem gerade auch das Verbraucherverhalten frei ist.

 

SCHASSBERGER: Natürlich werde ich mit meiner Mission nicht alle 80 Millionen

Menschen in Deutschland erreichen. Irgendwann vielleicht schon. Aber jetzt

reicht es uns schon, wenn 20 Prozent der Bevölkerung umdenken.

 

chrismon: Ist dieses Umdenken in der Bevölkerung gefährlich für Ihr

Unternehmen, Herr Lindenberg?

 

LINDENBERG: Überhaupt nicht. Nehmen Sie die so genannten Bioprodukte:

Bundeslandwirtschaftsministerin Künast möchte, dass im Jahr 2010 zwanzig

Prozent der deutschen Nahrungsmittel Bioprodukte sind. Wir bewegen uns im

Moment bei zweieinhalb Prozent. Erst hieß es, die Industrie tue zu wenig,

dann war es der Handel. Ich sag's ganz einfach: Wenn damit Geschäft,

Umsatz zu machen ist, dann bieten wir natürlich Bioprodukte an. Das Problem

ist nur, dass der Konsument dafür mehr bezahlen muss. Und

unglücklicherweise hat dieser Konsument viele Bedürfnisse gleichzeitig. Bio ist

davon nur eins. Also wägt er ab und kauft oft eben doch nicht Bio. Die

Erwartung, dass 2010 zwanzig Prozent so genannte Bioprodukte sind, wird von

niemandem geteilt. Aber keiner hat was dagegen. Wir sind sowieso

permanent auf der Suche nach höherwertigen Produkten, allein, um aus

diesen ganzen Preiskämpfen rauszukommen.

 

chrismon: Die Deutschen geben zurzeit um die 15 Prozent ihres Einkommens

für die Ernährung aus. Im südlichen Europa und in Frankreich ist das

eindeutig mehr. Woran liegt es, dass die Deutschen sich alles im wahrsten

Sinne des Wortes "vom Mund" absparen?

 

SCHASSBERGER: Fürs Auto nehmen die Leute das teuerste Öl, zum Kochen ist

ihnen 1 Euro für den Liter zu teuer. An erster Stelle stehen schon immer bei

uns Haus, Urlaub, Freizeit mit allem Drum und Dran, und dann erst kommt

das Essen. Das ist so - das ist eine Mentalität der Deutschen. Und die hat

den Kulturabbruch beim Kochen natürlich verstärkt.

 

DER KÜCHENMEISTER:"Die Leute wissen schon gar nicht mehr, wie etwas

wirklich schmeckt"

 

LINDENBERG: Wir haben in Deutschland sicherlich eine rationalere Einstellung

zum Thema Essen - das hat seine positiven und seine negativen Seiten. Im

Zweifel sagt man hier: Ich halt mein Geld zusammen, hier und da leiste ich

mir natürlich mal einen Luxus, aber im Großen und Ganzen versuche ich mich

sehr ökonomisch zu verhalten. Und von daher lassen sich deutsche

Konsumenten sehr viel stärker durch Preisargumente überzeugen, als es in

vielen anderen Ländern der Fall ist. Das bedauern übrigens auch wir.

 

chrismon: Hat das was mit der Konfession zu tun, dass man sagen kann:

Protestanten ernähren sich, Katholiken speisen?

 

LINDENBERG: Ich sehe das im katholischen Belgien, das ein ganz anderes

Preisgefüge für Nahrungsmittel hat als das protestantisch geprägte Holland.

 

chrismon: Wer ist denn nun verantwortlich für den Kulturabbruch beim

Kochen?

 

SCHASSBERGER: Zum einen sind das die Verbraucher selbst, die nicht wissen,

was sie da wegen ihrer Bequemlichkeit opfern. Zum anderen ist das natürlich

die Industrie mit ihrem Geschmacksdiktat und ihrer verschleiernden Werbung.

 

LINDENBERG: Das ist ein Phänomen einer freien Gesellschaft, in der Sie

Verhaltensnormen auch beim Kochen und Essen nicht ideologisch

vorschreiben. Wenn wir aber kulturelle Veränderung oder Rückbesinnung

stärker wollen, dann setzt das für mich in der Familie an. Wir können doch

nicht staatliche Institutionen oder Unternehmen dafür verantwortlich machen,

welche Art von Esskultur wir haben.

 

chrismon: Was passiert, wenn Herr Schassberger mit seiner Mission für eine

traditionelle Kochkultur Erfolg hat?

 

LINDENBERG: Wir sind ein dynamisches Unternehmen, wir sind ja mitten drin

in dieser Gesellschaft. Wir sind Masse, nicht Nischenanbieter für die Elite. Das

heißt, wenn sich die Wertvorstellungen in unserer Gesellschaft dahingehend

bewegen, dass wir noch mehr ursprüngliche Basisprodukte mit größerem

Zubereitungsaufwand zu Hause haben wollen, dann sind wir garantiert die

Ersten, die das machen.

 

SCHASSBERGER:  Mir würde schon reichen, wenn es mehr Transparenz gäbe.

Wenn zum Beispiel - wie  in Amerika - nur "pure" auf der Packung stehen

würde, wenn tatsächlich keine künstlichen Zusatzstoffe drin sind.

 

chrismon: Zum Schluss noch ein kleiner Test: Nach einer Studie von Iglo weiß

nur noch jeder Dritte, wie man zum Beispiel Rinderrouladen macht. Können

Sie uns sagen, wie's geht?

 

LINDENBERG: Ich persönlich wende mich bei solchen Fragen immer an meine

Frau.

 

SCHASSBERGER: Ich besorge mir von der Rinderkeule schöne, große, flache

Teile, schön dünn geschnitten. Der Fachmann schneidet das Fleisch, wenn es

noch kalt ist, dann geht es besser. Und vor dem Braten und Füllen bestreich

ich sie mit Senf, Salz und Pfeffer.

 

chrismon: Wir haben gehört, dass Sie das Fleisch zwischendurch auch noch

zärtlich streicheln?

 

SCHASSBERGER: Das sowieso. Es muss ja sehr mit Liebe behandelt werden.

 

 

Protokoll: Arnd Brummer und Axel Reimann

 

Quelle: http://www.chrismon.de/877.php 07.11.07 16:56Uhr

 

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